Archiv für April 2013

Noch vor Brigitte auf torsun.blogsport.de!


Die von mir sehr geschätzte Zeitschrift Brigitte hatte Glück bei der Verlosung und darf jetzt offiziell vom NSU-Prozess berichten.
Dieser Umstand soll für mich Grund genug sein, den Artikel zum ersten Prozesstag vorwegzunehmen:

Beate Zschäpe sieht blass aus, als sie -umringt von ihre Anwälten Sturm, Heer und Stahl- die Treppen des Gerichtsgebäudes betritt. Ihre Haare hat sie zeitlos modisch zu einen Pferdeschwanz gebunden. Auf die Frage, ob sie abgegenommen habe, antwortet sie kurz angebunden mit „wissen, sie, der Stress, da vergeht einem schonmal der Appetit“, wobei ihr Blick aus traurig wirkenden Augen fast schüchtern gen Boden gerichtet ist. Ja, sie hat es nicht leicht in diesen Tagen und das merkt man ihr an.
Unter den neugierigen Blicken der anwesenden Pressevertreter betritt sie den völlig überfüllten Gerichtssal, setzt sich und harrt ausdrucks- und regungslos der Dinge, die da kommen mögen.
Mit stoischer Ruhe erträgt sie die Verlesung der Anklageschrift. All die schweren Vorwürfe die gegen sie vorgebracht werden. Kaum zu glauben, dass diese junge, zierliche Frau -gekleidet in schlicht anmutender Jeans und brauner Bluse- für all die Taten mitverantwortlich sein soll.
Nach der Verlesung endet der erste Prozesstag. Auf dem weg nach draußen frage ich Beate, ob sie bisher zufrieden mit ihrer Außenwirkung ist. Die Antwort kommt, wie aus der Pistole geschossen: „Im Gefängnis ist es nicht leicht, modisch auf dem neuesten Stand zu bleiben, aber man gewöhnt sich daran und wird genügsam.“. Wir pflichten ihr bei. „Und außerdem kommt es doch viel mehr auf die inneren Werte an, meinen sie nicht?“ Ja, da hat sie Recht. Und was es mit den inneren Werten auf sich hat, müssen die kommenden Prozesstage zeigen. Wir werden für sie berichten.

Eine Abrechnung mit dem leidigen Thema Fußball…

….stand einst in der Jungle World. Als jemand der auf dem Lande aufwuchs und dort gezwungen wurde mitzutun, wenn nicht schon in jungen Jahren die geballte Kraft der Ausgrenzung ihr brutales wirken entfalten sollte, bin ich absolut hingerissen von der Schlagkraft dieses Textes gegen dieses unsägliche „Freizeit-Vergnügen“. Aber lesen sie selbst!

BÄM:

Was erlauben Fußball?

Ganz Deutschland ist von Fußballfans besetzt. Ganz Deutschland? Nein! Eine schweigende Minderheit hört nicht auf, den Eindringlingen Widerstand zu leisten. Eine schweigende Minderheit, die noch resistent ist gegen das allgegenwärtig suppende Großklappengemisch aus Journalis­ten­­darstellern, Politikimitatoren, Wirtschaftssimulatoren und Werbeagenturen, dessen durch und durch verkommene Selbstbezogenheit sogar sittlich gefestigte Menschen daran hindert, ein fußball- und damit sorgenfreies Dasein zu fristen. Zu dieser Minderheit bekenne ich mich.

Gerne würde ich behaupten: Fußball ist mir egal. Doch es ist mir aus Gewissensgründen verwehrt. Es gibt kein Entrinnen vor ihm in der unendlichen Tiefe des öffentlichen Raumes. Also bleiben nur Liebe oder Haß. Ich habe mich für den Haß entschieden.

Dabei sind es nicht die »liebenswürdigen Marotten« einiger berufsjunger Männer. Es sind nicht die schmerbäuchigen, stetig biereinträufelnden Familienväter, deren schlachtreife Gattinnen zu kuschen haben und ihren visuellen Fußballfuror höchstens mit stichwortartigen Kommentaren unterbrechen dürfen.

Es sind nicht die Landbevölkerung und Vorstädte infizierenden Vereine, denen Norbert Blüm vor Jahren attestierte: »Verachtet mir die Vereinsmeier nicht! Sie halten die Gemeinschaft mehr zusammen als kluge soziologische Bücher. In W. gibt es weder Drogensüchtige noch Jugendsekten. Dafür Feuerwehr-, Sport- und Gesangsverein.«

Es sind nicht die alkoholisierten Kollektive, die eine nächtliche Zugfahrt mit minderjährigem Nachwuchs zur existentiellen Erfahrung werden lassen. Es sind nicht die rassistisch, antisemitisch und sexistisch verplombten Hooligans, die sich und andere ins Koma treten und um die körperliche Würde bringen.

Es sind nicht die angeblichen Skandale, nicht die Spieler- und Trainergehälter, die jedem Rüstungshaushalt eines mittleren Schurkenstaates Ehre machten, nicht der Wettbetrug.

Es sind nicht die »Tooor!«, »Abseits!«, »Foul!« und »Schieß doch!« blökenden Aasfresser in der Nachbarschaft, deren letzteren Imperativ man zu gerne aufgreifen möchte, wäre man nicht mit Nachsicht und Würde gereift.

Es sind nicht die Grünen-Parteitage, deren Abgeordnete Fernseher zum Fußballkucken ins Plenum stellen und dies für aber so was von kritisch und alternativ halten, daß sie auf der Stelle ein paar Bundeswehreinsätze zusätzlich befürworten müssen.

Es ist nicht das völlig nutzlose Geschwafel von »guten« (1860, Freiburg, St. Pauli, Schalke, Dortmund) und »bösen« Vereinen (Bayern, Bayern, Bayern, Energie Cottbus).

Es ist auch nicht deswegen, weil Fußball so ziemlich die einzige Mannschaftssportart sein dürfte, deren Spielergebnis auch ohne Schulbildung exakt erkenntlich ist.

Nein.

Es sind die Freundinnen, die bei Fußballsendungen Unhöfliches ins Telefon schreien, um ungestört bleiben zu können – wenn sie denn überhaupt abheben. Es sind die Freunde, die eine zivilisierte Terminplanung unmöglich machen, weil ihnen immer was Fußballerisches dazwischenkommt.

Es ist die Tatsache, daß die Montagszeitung stets die unlesbarste ist, weil der aggressive Sportteil mit seiner Gülle aus Fußballfront­bericht­erstattung, Spielerhalbnacktfotos und Pfennigweisheiten den kümmerlichen Rest in seinen Krallen hält. Fußballkommentare sind keine Meinung, sondern ein Verbrechen.

Es ist die Verwegenheit von der Stange, die sich aus der täglichen Müllanfuhr von Feuilleton, KiKa und H & M kostümiert und im Fußball das »Aben­teuer Ich« und sogar das »Abenteuer Leben« hallu­ziniert. Wo doch die von Event-Kaspereien durchseuchte Existenz jedes Normalbürgers trotz steigender Dosis immer öder zu werden droht.

Es sind die umnachteten Mietvisagen der akzeptierenden Medienarbeit, die granatendämlichen Zombies aus Politik, Kirche und Wirtschaft, die sich beim Fußball anbiedern, um irgendwie auch Pop oder cool oder beides zu sein. Denn wer nicht schön- und mittut, der wird nicht gewählt, dessen Quoten sinken, dessen Stuhl wackelt und dessen Produkte kauft kein Schwein. Noch nie war das Bekenntnis zum Mittelmaß so überzeugend.

Es ist die Affirma­tionsblase des polytropen Spaßspießertums, das eben deswegen das schlimmste ist, weil ihm nicht im Traum einfällt, daß es das moderne Spießertum ist.

Es ist die Diktatur der Distinktionsgewinnler von Linksaußen (!), deren gratismutige Protagonisten keine zehn Minuten in einem modernen proletarischen Haushalt und unter der Fuchtel seiner Wertvorstellungen – innerer wie äußerer – aushielten, die für Fußball die Mühen der untersten Reflexionsebene auf sich nehmen und gegen den Betrieb wettern, aber dreist von ihm profitieren.

Martin Büsser bemerkte, »Jugendliche« lernten einander am besten über das Abgleichen ihrer Vorlieben in Sachen Fußball, Popmusik und Bier kennen. In seinem und unser aller Interesse will ich nicht hoffen, daß er recht hat. Denn so ein Nachwuchs würde später ohne größere Umstellungen auf Mord und humanitären Einsatz abonniert sein. Mag der Fußball in der dritten Welt die einzige Chance sein, dem Elend zu entfliehen blablabla – bei uns verursacht er neues Elend, zum Beispiel Fußballcartoons. Außerdem haben wir genug Bälle. Für jeden einen.

Es ist der aufgeblasene Siebziger-Jahre-Feminis­mus, demzufolge Alice Schwarzer Damenfußballerinnen, Soldatinnen und Kanzlerinnen verherrlicht – und das Recht darauf, den gleichen, wenn nicht noch größeren Blödsinn als Männer zu verzapfen, für zivilisatorischen Fortschritt auspfeift.

Es ist, was die Geschichtsbücher dermaleinst als fragwürdige Triumphe der Sozialdemokratie verzeichnen werden: 1) die straffreie Verbreitung weiblicher Doppelnamen, 2) das 0,4-Liter-Bierglas, 3) Fußball auf allen Kanälen und durch alle Kanülen.

Es ist des Fußballs Allgegenwärtigkeit, das »Total-Theater« (Ror Wolf), welches seine Metastasen in die Benutzeroberfläche unserer Welt getrieben hat und eine verhältnismäßig vertraute Plage wie die Vanille-Dufttanne oder die Kaufhaus- und Gastro-Muzak geradezu harmlos erscheinen läßt. Weil deren Betreibern die Kaltschnäuzigkeit des Fußballs fehlt. Denn er vereinnahmt gnadenlos.

Und es ist die diffuse Gier nach Ritualen, nach Identifikation, nach Symbolen und – klar doch – Opfern. Denn so definiert sich der aftermoderne Freizeitfaschismus. Begeisterung sieht anders aus. Ob wir das Ende der Fußballhysterie noch erleben? Die Chancen stehen miserabel.

Vor zwanzig Jahren mochte Eckhard Henscheid mit seinem lichtschönen Diktum »Geld und Liebe sind die Säulen unseres Lebens. Das dritte aber ist der Fußball, ja er hat möglicherweise die Liebe schon überholt« noch partiell recht behalten haben. Mochte der Fußball einst ein Zeichensystem gewesen sein, welches Zuflucht bot vor einer als bedrohlich empfundenen bösen Wirklichkeit – heute ist Fußball längst selbst zur bösen Wirklichkeit geworden. Mochte er früher die vielleicht schönste Nebensache der Welt gewesen sein – in der modernden Moderne ist er die schrecklichste Hauptsache. Mochte die frische Hemdsärmeligkeit der Fußballverehrung früher sympathisch gewirkt haben – heute ist sie nur noch ärmlich. Mochte einst das Auswendigwissen sämtlicher Bundesligaergebnisse und Spielerbiographien als sympathisches Aufbegehren gegen den bürgerlichen Stinkekanon gegolten haben – jetzt ist es Herrschaftswissen. Und die Stadionjahreskarte der dazu passende Ariernachweis.

Die nach unten offene Schiedsrichterskala ist zum Gradmesser der Regression eines komplett willenlosen Gemeinwesens geworden und Fußball zum Straßenbegleitgrün auf dem Weg ins Verderben. Eine stützstrumpffarbene Elementarnull wie Franz Beckenbauer gilt ohne ironische Beigabe als zitable Person. Die Becken­baueri­sie­rung ist längst abgeschlossen und hat wie ein Zweikomponentenkleber alles zu- und seine Klone in jedem Fach festgekleistert: Guido Knopp als Historiker, Günter Grass als Literat, Claudia Roth als Politiker. Harald Schmidt als Humorist, Wladimir Kaminer als Medienrusse, Peter Sloterdijk als Philosoph, Tomte als Musiker, Tim Mälzer als Koch, den Spiegel als Nachrichtenmagazin und Ben Becker als Schauspieler. Opportunisten sind sie allesamt, die aus der Wahrheit Wahrheiten machen, weil ja die Vielfalt uns voranbringt. Nur – wohin?

Es ist wie mit der Religion. Die Fußballapostel geben sich gern als Verfolgte, obwohl sie überall den Ton angeben. Von der rotzreaktionären FAZ über die dümpeldumme Bild und die Schlafwagenkellner von Die Zeit bis zur nationalbolschewistischen Jungen Welt greift die Gleichschaltung, reicht die Infiltration des Schaumer-mal-Klerus. Berge überflüssiger Fußballbücher türmen sich selbst in der letzten Kleinstadtklitsche. CDU-re(di)gierte Radiosender kommen sich zum Platzen hip vor, wenn sie Fußballgedichte durch den geschundenen Äther wuchten. »Huch, die schwitzen ja richtig!« kreischen entzückte Redakteure und Literaturhäusler, denen man zehn Meter gegen den Wind ansieht und -hört, daß Mutti ihnen noch die Schnitten schmiert und beim Schnürsenkelbinden helfen muß – Gelegenheitsmenschen in Zwangsjacke und Spendier­hose, die Schweiß nur in Verbindung mit Angst vorm Chef, den Anzeigenkunden und dem common sense kennen. Mit ihnen paktiert außerdem die auf spaßig getrimmte Gegenaufklärung der das Land überziehenden unbequemen Querdenker, Mietbischöfe, Orgasmusvortäuscher und verbeamteten Spaßmacher. Durch öffentliche wie private Sendeanstalten wankelt eine endlose Karawane von Wichtigkeitsraunern und Nano-Experten, die den Fußballorkus als kognitive Behindertenrampe zu einer einkommenssicheren D-Prominenz nutzen. Und keiner bindet ihnen die Klappe zu oder Finger und Beine zusammen.

Aber jetz paß uff! Den Konformitätsdruck gab es schon in den vormaligen Arbeiter­mi­lieus, dort jedoch berechtigterweise aus Gründen klassenkämpferischer Solidarität. Heute steht Fußball für Gegenkultur von oben. Wer nicht mitzieht, wer sich nicht alltäglich zum Konsum­idioten und Fußballjubelperser vertrimmen läßt, mit dem reden sie nicht (mehr). Hochintelligente Leute, die tagein, tagaus den Individualismus und ihre »Marke ICH« (Conrad Seidl) kultivieren, um ihre Verwertbarkeit in »Zeiten der Globalisierung« (Holger Sudau) abzusichern, machen Urlaub vom eigenen Gespreize, indem sie devot einem Mannschaftssport huldigen. Je mehr sie zu funktionalen Trotteln degradiert werden, desto größer die Sucht nach Kompensation, nach Wieder-mal-kleiner-Junge sein-dürfen, nach einer wasserdichten Romantisierung der Schwitzigkeit von Männerbündlertum. Die Folge ist eine verordnete Karnevalisierung und Verweihnachtsmarktung, die zwangsläufig verlangt, es solle überall zugehen wie zu bestimmten Zeiten im Rheinland oder vor den jahresendzeitlichen Geschenkemassakern: immer anmaßend, laut, pöbelig, bundeswehrsoldatisch. Aber niemals leicht, unbeschwert, offen und komisch. Oder gar schön. Wie jeder Fan, versteht auch der Fußballfan keinen Spaß, vor allem gegenüber Nichtfußballfans. Der ähnlich disponierte Heavy-Metal-Fan sucht lediglich ein Refugium, in dem er ungestört seiner Leidenschaft frönen kann; der will nur spielen. Der Fußballfan sucht die Öffentlichkeit, wo er ungestört alle anderen kaputtspielen kann. Kurzum: ein Kotz­milieu, an dem ich bis jetzt noch keinen Ausschalter gefunden habe.

Aus dem politisch bedingten, ehedem auch mit Fußball flankierten Zusammengehörigkeitsgefühl einstiger proletarischer Milieus ist längst ein schwammiges Dazugehörigkeitsgefühl geworden. Mit der erzwungenen, immer idiotischer werdenden Versklavung im Verwertungszusammenhang korrespondiert die freiwillige, noch idiotischer und erbarmungsloser anmutende Versklavung für den Freizeitzusammenhang. Fußball ist der Gott der Opportunisten, denen der letzte Furz eines Regionalliga­spielers wichtiger ist als der hereinbrausende Horror des Neoliberalismus und was man eventuell sogar dagegen tun könnte. Der Mitmacher war schon immer derjenige, der am lautesten »Ich« schreit und seine feigen Groschenansichten mit Haltung verwechselt, die er dann auch von allen anderen erwartet. Klar doch: In der unübersichtlichen Welt sucht der Mensch nach Wahrheiten, die er begreifen und weitererzählen kann. Als Fußballfan findet er eine, die er nicht mal begründen muß – und als Bonustrack die Lizenz zum Nervtöten. Es ist die spätkapitalistische Form der Zwangskollektivierung mit dem wesentlichen Unterschied zur sozialistischen: Sie zeigt Erfolg. Von der Ich-AG bis zu den Wir-sind-Papst-Komparsen. Auch weil sie die Bedingungen schafft, daß Außenseiter keinen Erfolg haben dürfen und meistens auch nicht haben können. Im Fußball ist glasklar wie sonst nirgends zu erkennen, wie der Kapitalismus sein Personal abgerichtet hat zu Konsumenten, zu Zielgruppen, zu Lätta-Frühstückern und damit zu Kasperlfiguren.

In den bilateralen Beziehungen zwischen Mensch und Fußballfan kann es nur Teilfriedens­abkommen geben. Denn wo Fußballfans »kommunizieren«, erstirbt jede Unterhaltung, jedes Gespräch. Da können sie noch so viele »Nationale Service- und Freundlichkeitskampagnen« ersinnen. Ihr Knochenmühlen-Surround-Sound hat sich erbarmungslos unter die eh schon lästigen neoliberalen Kakophonien gemogelt: Allerorten sitzen Manager, Politiker und Schlagzeuger auf der Auswechselbank, spielen Debile verschiedenster Ausprägung in unterschiedlichen Ligen, gehen Verhandlungen in die Verlängerung, wird der Ball flach gehalten, werden Mitbürger mit Migrationshintergrund ins Abseits geschoben, bleiben rüstige Jubilare in ihren Seniorenresidenzen ein abgenutztes Restleben lang am Ball, schießen Parteien Eigentore, sind Unternehmen optimal aufgestellt, spielen Solisten sich auf der Bühne Bälle zu, herrscht Teamgeist oder werden Steilvorlagen geliefert. Der letzte Containerdepp auf RTL2 punktet mit grenzenloser Beschränktheit. »Deutschland offensiv: Der Mittelstand greift an« (Lexware). Je lausiger Deutsche Fußball spielen und wirtschaften, desto hysterischer der Bohei vor ihrem scheinbar unvermeidlichen Event-Overkill. Ein einziges Gülleparadies. Leider ohne Geruchsverschluß.

Der Kapitalismus ist bekanntlich die Darstellungsform des Bürgertums, und dieses Bürgertum kann nicht anders existent sein als in der rigorosen Vereinnahmung der Werte und Zeichen anderer. Die bürgerliche Vereinbarung, Fußball zur Matrix der ganzen Gesellschaft aufzupusten, steht in bester Tradition: Auch der Trüffel, der Kaviar, der Champagner, der Lachs, die Auster mußten erst den ärmsten Schluckern vom Teller genommen und zur beinahe unerschwinglichen Delikatesse hochgesext werden, um schließlich, nachdem man ihrer weitest­gehend überdrüssig geworden ist, wieder als Ramschprodukte die Regale unserer unschönen Warenwelt zu füllen.

Und doch bleibt alles eigenartig ambivalent. Zuviel Nähe schadet auch. Also muß das verjauchte, am Selbstekel beinah erstickende Bürgertum samt seiner kleinbürgerlichen Bierholer gallonenweise Häme über die Klingeltongrammatik eines italienischstämmigen Trainers oder über die Tattoos einer fremdsprachschwachen Spielergattin auskübeln. Es lustig zu finden, daß sich weniger begabte Menschen öffentlich unbeholfen ausdrücken, ist billig und fällt auf die davon amüsierten Kraft-durch-Schadenfreude-Kretins zurück. Oder wie Karl Kraus sagt: »Witzig­keit ist manchmal Witz­armut, die ohne Hemmung sprudelt.«

König Fußball regiert die Welt? Meine nicht. Das nächste Spiel ist immer das schwerste? Dann sollen sie eben das übernächste oder überübernächste nehmen. Der Ball ist rund? Sollen sie ihn eckig machen. Das Runde muß ins Eckige? Warum nicht umgekehrt? Nach dem Spiel ist vor dem Spiel? So buchstabiert man Gummizelle. Ein Krieg dauert neunzig Minuten? Schön wär’s. Der Krieg hat den einzigen Vorteil, daß er eine erhebliche Anzahl der Schwachköpfe, die sich freudig und hurrapatriotisch in ihn hineinbegeben, verschlingt. Der Fußball tut das Gegenteil. Seine Jünger werden immer zahlreicher. Und sie sind gnadenlos missionarisch veranlagt. Die Beweise sehen, hören, riechen, schmecken und fühlen Sie tagtäglich. Vielleicht hängt ihnen ja der Fußball nach ihrer albernen WM dermaßen aus dem Hals, daß wir auf ein paar Jahre Ruhe haben.

Aber was, wenn nicht? Beziehungsweise was tun?

Erst mal boykottieren. Kaufen Sie nicht beim Bäcker, der Ihnen WM-Brötchen andrehen möchte! Essen Sie keine Fußballklöße! Wenden Sie Ihr Antlitz beschämt ab, wenn Sie in die Nähe des als Fußball verkleideten Berliner Fernsehturms geraten! Kaufen Sie keine Fußballbücher! Hören Sie keine Fußballhörspiele! Besuchen Sie keine Schiedsrichterausstellungen! Schauen Sie kein Fußballtheater an! Gehen Sie pinkeln oder spazieren, wenn Ballack, Völler & Co. Werbung im TV machen! Sollen sie an ihren Kick it!-Würstchen, Fußball-Frikadellen, Biß-Kick-Joghurts oder unter ihren Fifa-World-Cup-Cocktail-Kissen ersticken! Helfen Sie Mitbürgern mit Fußballkontaktlinsen nicht über die Straße! Jagen Sie die öffentlich alimentierten »Ballkünstler-Künstlerball«-Willis ins nächste Gewerbegebiet! Verminen Sie sämtliche Public-Viewing-Plätze mit Hundewürsten! Schieben Sie Sportpfarrer in ein sicheres Zweitland ab! Pfeifen Sie auf den päpstlichen Segen! Von nun an wird nicht mehr zurückgeschossen – wir behalten die Bälle einfach. »Nicht mal ignorieren!« (F. W. Bernstein) – das trifft sie am meisten. Und es wäre ein klitzekleiner Beitrag zu einer schöneren Welt. Weglaufen geht ja nicht. Wohin denn?

Review Raketenkind

Viele dürften ja mitbekommen haben, das Kollege Plemo ein eigenes Label (UAE) gegründet hat.
Diesen Monat gab es dort zwei Neuerscheinungen und ich hab mir beide Alben mal angehört. Eins davon möchte ich euch heute vorstellen. Das nächste dann im verlauf der Woche.

Raketenkind – Der lauteste Mensch am kältesten Tag


Ich selbst höre derzeit ja eigentlich am liebsten wieder Gitarrensound und außer beim Ausgehen eher weniger elektronische Musik. Also was sollte ich zu dieser Elektro-Scheibe schreiben?
Mir fällt nur eins ein: Absolut Geil!
Raketenkind schaffen es auf eindrucksvolle Weise Rockmusik in Elektronik zu übersetzen, ohne dabei nach JUSTICE zu klingen. Ich höre z.B. ganz eindeutig Grunge-, aber auch 90er Collegerock-Einflüsse heraus. Dazu eine bezauernde Stimme und fertig ist eine Art Crossover, allerdings im besten Sinne des Wortes. Sie klingen extrem frisch und ich bin mir ganz sicher, dass man von den Herren in Zukunft noch einiges hören und sie auch auf den großen Festivals zu sehen kriegen wird.
Bis es soweit ist sollte jeder in „Der lauteste Mensch am kältesten Tag“ reingehört haben!
Plemo, da hast du eine tolle Kapelle aufgetan, bei der selbst Balladen nicht nerven. Hut ab!

Neue Musik


Am heutigen Freitag erscheinen ein paar echte musikalische Schmankerl:

1.
Liebling Rampue veröffentlicht heute auf unser aller Lieblingslabel Audiolith wundervolle Tracks für die Tanzfläche:

2.
Endlich gibt es ein neues Release auf Plemos wunderbaren Label UAE, nämlich Raketenkind:

Ich hatte mittlerweile die Freude, das Album in voller Länge zuhören und bin begeistert, aber dazu Anfang nächster Woche mehr.

Ich möchte euch ans Herz legen: Unterstützt die Musikannten und kauft den Sound bei den üblich verdächtigen Download-Portalen.
Die Raketenkind-CD gibt es auch in limitierter Auflage im UAE-Shop: hier entlang bitte!
THANX!

Nachtrag:
Ebenfalls heute erscheint bei UAE die neue Testsieger-Scheibe.
Einen ersten Song davon gint es schon kostenlos:

Das Artwork ist weltklasse:

Videopremiere:

Video zum Remix für Tocotronic


Wie an dieser Stelle schon berichtet, gibt es zur aktuellen Single von Tocotronic „Ich will für dich nüchtern bleiben“ eine Remix-Single bei Audiolith zu bestellen: Hier entlang bitte.
Als große Tocotronic-Fans wollten wir diesmal, das Original ganz zart anzufassen und einen für Egotronic untypisch soften Remix kreieren. Es muss ja nicht immer Bum Bum sein. Ein guter Freund aus Stuttgart hatte dann noch Lust zum Remix ein Video zu drehen. Das Ergebnis gibt es am kommenden Montag hier und auf Facebook zu sehen.
Also rinjehaun und bis Montag!

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Ich hab keine Ahnung, wie das gezählt wird, freu mich aber trotzdem und sage danke, dass -obwohl ich gerade eher unregelmäßig schreibe- soviele Menschen diese Seite besuchen.