Botanisches Wunder

Ich war eigentlich nie ein großer Fan von Zimmerpflanzen. Gut, sie stören mich nicht und ich finde sie oft sogar -wie zum Beispiel in der Wohnung meiner Liebsten- sehr ansehnlich, hatte selbst aber nie das Bedürfnis, mir welche zuzulegen.
Zu meinem letzten Geburtstag schenkte mir nun aber mein guter Genosse und Freund Ivo Bozic ein wirkliches Wunder des Kapitalismus, nämlich eine Blume aus der Dose.
Nachdem diese ausgeklügelte botanische Meisterleistung der kapitalistischen Produktionsform etliche Monate verschlossen auf der Fensterbank stehend ihr Dasein fristen musste, beschloß ich Ende September letzten Jahres endlich Nägel mit Köpfen zu machen und sie ihrer angedachten Bestimmung zuzuführen. Ich hielt mich bis ins kleinste Detail an die beigefügten Anweisungen, was zugegebener Maßen nicht sonderlich schwer war, da sie lediglich aus 3 Arbeitsschritten bestand:
1. Deckel abreißen
2. wässern
3. Verschluss auf der Unterseite öffnen
Danach Positionierte ich die Dose so auf meiner Fensterbank, dass sie fast den ganzen Tag feinster berliner Sonnenbestrahlung ausgesetzt war und wartete.
Nach ein paar Tagen begann der erste Samen zu sprießen und es dauerte nicht lange, bis die ersten zarten Triebe und Blätter das Licht der Welt erblickten. Soweit so gut. Ich war zufrieden und guter Dinge, dass auch mein Zimmer bald zu einem Hort des Blühens werden sollte, was -so vermutete ich- eine Optimierung des Wohlbefindens in den eigenen vier Wänden mit sich bringen würde. Aber weit gefehlt!
Zu meiner Besorgnis musste ich feststellen, dass die Pflanze trotz regelmäßiger Wassergabe jedes weitere Wachstum verweigerte. So sehr ich mich auch abmühte und ihr gut zusprach, blieb es bei drei dürren Trieben. Selbst als ich von einer zehntägigen Reise (Lesetour mit Linus Volkmann), während der mein Mitbewohner die weitere Pflege übernahm, zurückkehrte, war keine Veränderung ihres Zustands festzustellen. Sie hatte sich, so schien es mir, in dieser Phase des nicht stattfindenden Wachstums fest eingerichtet.
So verstrichen weitere Wochen, in denen ich langsam aber sicher die Lust am Gärtnerdasein verlor, was zur Folge hatte, dass ich während meiner vierzehntägigen Weihnachtsreise niemandem mehr auftrug Wasser nachzuschütten.
Als ich nach Silvester in meiner Wohnung ankam, machte ich eine erstaunliche Entdeckung. War ich beim betreten meines Zimmers noch sicher, die Pflanze wäre in der Zwischezeit durch Wassermangel eingegangen, belehrte sie mich auch dieses Mal eines Besseren. Nichts, aber auch gar nichts hatte sich an ihrem Zustand verändert und das, obwohl ihr Nährboden mit Fug und Recht als furztrocken bezeichnet werden konnte. Ein biologisches Wunder!
Mittlerweile sind 2 weitere gießfreie Wochen vergangen und noch immer „erstrahlt“ sie im selben „Glanz“, wie zu Beginn dieses botanischen Abenteuers:

Ein Trauerspiel!
Ich habe trotzdem beschlossen, die Pflanze weiterhin stehen zu lassen, symbolisiert sie doch auf’s eindringlichste das bürgerlich kapitalistische Glücksversprechen, welches niemals wirklich eingelöst werden kann.

P.S.:
Sollte nach kommendem Wochenende, an dem ich in Münster und Oberhausen auflege, noch immer keine Veränderung eingetreten sein, überlege ich, sie mit Bier zu gießen. Wer weiß, vielleicht hilft das ja…

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5 Antworten auf “Botanisches Wunder”


  1. 1 freiheitsfritte 10. Januar 2013 um 16:38 Uhr

    Bier soll bekanntlich immer Helfen.

  2. 2 Jimmy 10. Januar 2013 um 16:42 Uhr

    Theorie: Wenn die Tage länger werden, wächst sie vielleicht ein bisschen mehr. Und wenn ich richtig lese, steht da Daisy / Bellis, es handelt sich also um ein Gänseblümchen, ist ne Staude und recht robust. Fängt bestimmt sogar irgendwann an zu blühn.

  3. 3 MMW 10. Januar 2013 um 17:25 Uhr

    Also was ~ sehr zu meinem Verwundern ~ bei ähnlichen Experimenten mit eigenen Zimmerpflanzen (zugegeben nicht immer ganz legaler) wahre Wunder vollbracht hat war Energy-Drink! Vielleicht nicht immer pur, musste feststellen, dass das auf Dauer auch nicht zum Glücke der Genesung beiträgt, aber verdünnt funktionierte es besser als jeder handelsübliche Dünger…
    (Es handelte sich dabei um den „Black Cat“ Energy-Drink von Netto, ob das von Bedeutung war kann ich allerdings nicht sagen.. :D )

  4. 4 Suse Sonntag 10. Januar 2013 um 18:06 Uhr

    Das Baby würde sich ganz bestimmt über richtige Erde freuen… und über ein bisschen Bier!

  5. 5 Max 10. Januar 2013 um 23:02 Uhr

    Pflanzen mit Bier gließen kann bestimmt nicht beim wachstum schaden, das hat bei manchen Menschen doch auch ganz gut funktioniert! ;)

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