Gastbeitrag von Mirco,…

…der uns diesen Sommer bei einigen Festivals an der Gitarre begleitet:

Wie ich zu Egotronic kam – ein Praktikumsbericht!

Seit einiger Zeit bin ich ab und zu live bei Egotronic dabei. Am 02.10.2004 lernte ich Torsun im besetzten Haus in Erfurt kennen. Ich spielte dort mit meiner Band ENDEARMENT. Das Konzert lief unter dem Motto „Deutschland hassen“ und Egotronic spielten dort auch, damals noch mit Hoerm am Bass und einem MD-Player für die Play-backs. Torsun stand an der Theke, ich ging kurz zu ihm hin und sagte „hallo“. Da wir beide schon relativ fertig waren – bei uns war es der vorletzte Tourtag – redeten wir nicht viel.
Nachts sahen wir uns noch einmal kurz, als Egotronic zu unserem gemeinsamen Schlafplatz kamen. Wir standen Bier trinkend in der Küche der WG und Torsun und Hoerm wurden vom Veranstalter zu ihren Schlafplätzen geleitet. Beide sahen ziemlich ver-bimmelt und durchgerockt aus. Ich fragte „Bier?“, Torsun antwortete „nee, nee nee!“ und sie verschwanden in ihrem Zimmer. Danach hörte ich erst einmal ein Jahr nichts mehr von ihnen.

2006 wurden wir „Freunde“ bei Myspace und schrieben uns 2-3 mal im Jahr. Irgendwann wechselten wir dann auf Facebook. Seit zwei Jahren chatteten wir regelmäßig morgens früh, wenn noch niemand wach war. Wir trafen uns nach langer Zeit mal wieder und zwar bei der Show in Gütersloh, wo Egotronic das Auto angezündet wurde. Da lernte ich auch Endi, Tili und Gina kennen. Wir unterhielten uns das erste mal seit Erfurt „face to face“, ein sehr netter Abend, wenn man von dem abgefackelten Auto absieht.

Ein paar Wochen später sah ich Egotronic schon wieder und zwar im Container der „Villa Kunterbunt“ in Bünde. Torsun füllte mich gut mit Bier ab, Britta, er und ich unterhielten uns draußen in einer lauen Frühsommernacht. Egotronic „rockten“ den überfüllten Container und spielten „A Forest“ für mich, das fand ich super. Nachher saßen wir noch draußen und Torsun meinte, dass wir unbedingt musikalisch etwas zusammen machen müssten. Ich hielt das damals für nettes Besoffwski Gelaber.

Im Frühjahr 2011 wollten sie mit der Produktion Ihrer neuen LP beginnen. Zu der Zeit arbeitete ich an der Musikhochschule in Detmold und war mit meiner Arbeit sehr unzufrieden. Torsun meinte immer nur „lass dich krankschreiben, hau in den Sack“. Mein komplettes Team war zerstritten, ich als neuer Stand zwischen den Fronten. Zum Glück war ich nur 3-4 Tage in der Woche „im Dienst“, aber immer wenn etwas schief lief, war der „Neue“ Schuld. Was mich irgendwann extrem frustrierte. Im Frühsommer 2011 hatte ich das Gefühl der kompletten Erschöpfung und war andauernd krank. Ich chattete morgens mit Torsun und klagte ihm mein „Leid“. Von ihm kam nur ganz trocken „ja dann hau da halt ab, aus dem Laden“.

Dann fragte ich ihn was denn die neue LP macht. Er meinte, dass er nicht so recht voran kommen würde. Ich bat ihm an, einen Song zu „schreiben“, ich würde mich in ein paar Stunden noch einmal melden. Ich setzte mich hin, da ich wusste, dass Endi und Torsun auf die „Wipers“ standen, schrieb ich ein paar rotzige Riffs und eine kleine Melodie. Im Original hat der Song sechs Akkorde. Ich schickte dieses ziemlich untight eingespielte MP3 Torsun und er schickte mir drei Stunden später ein grobes Arrangement zurück, welches aber schon durchaus hörbar war.

Beiden gefiel der Song und die Riffs super. Ich sollte die ersten vier Riffs noch einmal tight auf den Beat einspielen und verschiedene Sounds anbieten. Ich spielte einige Gitarren ein und schickte die Files nach Berlin. Eine Woche später hatte ich den fertigen Song. Er gefiel mir ziemlich gut, auch wenn mein Beitrag nur ein paar Gitarrenriffs und eine kleine Melodie waren, mochte ich die Idee, dass es dieser Song auf die kommende Egotronic Platte schaffen würde. Am gleichen Abend war ich auf eine Party eingeladen und spielte einigen Freunden den Song im Auto vor, alle fanden ihn super.

Für die komplette Platte spielte ich noch einen weiteren Song ein, versah die von Torsun geschriebenen Grundakkorde noch mit einer alternativen Melodie. Insgesamt war ich an vier Songs beteiligt, leider schafften es nur zwei auf die LP. Der eine ist auf der Platte aber ohne meine Melodie, da der Song sonst zu voll geworden wäre.

Torsun lud mich zum Videodreh nach Berlin ein, da „rannte der Sonne hinterher“ die Single werden sollte, was mich freute. Ich nahm ich den ICE nach Berlin und hielt ein paarmal meine Nase und Gitarre in die Kamera. Ich traf mich mit Freunden später noch zum Bier- trinken im Park, übernachtete im Hotel „Casa la Tillberg“, eins der besten Berliner Hotels, insgesamt ein sehr schöner Kurzurlaub.

Am 29.10.11 sollten drei Releaseshows in Berlin stattfinden und ich wurde eingeladen „Rannte der Sonne hinterher“ in drei Clubs mitzuspielen. Ich probte einmal „Dich glücklich sehn“, da ich mir fast dachte, dass ich diesen auch spielen solle. Als Britta und ich im „White Trash“ ankamen, war ich so aufgeregt wie noch nie vor einem Konzert. Ich machte mir fast in die Hose. Endi meinte nur trocken, „ach bleib ganz locker, immerhin steht dann ein Musiker auf der Bühne“. Wir spielten „Rannte der Sonne hinterher“ als ersten Song und er kam sehr gut an. Bei „Dich glücklich sehn“ fühlte ich mich wie auf einer Anfang 90er „Manchester Rave“ Party, die Leute gingen ab und sangen alles mit. Bei der zweiten Show das Selbe, der Alkoholpegel stieg und die Ausfallerscheinungen auch. Als wir Nachts im „about:blank“ ankamen waren wir schon alle sehr betrunken, der Club gerammelt voll, meine Gitarre hatte mittlerweile eine Saite eingebüßt. Egal, ich schrubbte einfach die Akkorde und ließ die Melodie unter den Tisch fallen. Danach war bei Torsun Schicht, er klappte auf der Bühne zusammen. War aber wenig später schon wieder auf den Beinen. Für Einige ging die Party noch bis zum nächsten Abend, ich guckte da schon Tatort auf meiner Couch in Bielefeld.

Am 05.11.11 spielten Egotronic im „JZ Kamp“ (r.i.p.) in Bielefeld, ich wurde wieder eingeladen „meine“ beiden Songs mitzuspielen. Das Kamp war ziemlich voll und als ich von Torsun angesagt wurde jubelten viele Leute im Publikum, ich war komplett hin und weg. Etliche Smartphones knipsten mich den „alternden Postpunker“. Ich hatte noch einige Gastauftritte, unter anderem im ausverkauften Gebäude 9 in Köln.

Die Festivalsaison rückte näher, ich fragte Torsun, ob ich vielleicht bei ein-zwei Festivals mitspielen könnte, er meinte nur „von mir aus kannst du alle spielen, wir müssen dann vorher nur in Berlin üben“. Ich fuhr nach Berlin und sie stellten mir ihr neues Livekonzept vor, weniger Playback, mehr Liveinstrumente! Ich war Fan!!! Beim ersten Probetermin wurde ich relativ hart ran genommen, da ich zuerst nicht mit den Playbacks von z. B. „Luxus“ klarkam. Ich muss dazu sagen, dass ich nicht jeden Tag Egotronic höre, sondern eher schrägen Postpunk, Postrock, Wave und Indie. Ich kannte den Song schlicht und ergreifend nur von den Konzerten. Aber die Gitarre dazu gefiel mir, irgendwie „Hives“ mäßig. Aus zuerst vier geplanten Songs für die Festivals, wurden dann insgesamt acht Songs. Der zweite Probetag lief richtig gut und ich traute mich auch einfach mal eine Melodie zu spielen.

Am 02.06.12 sollte meine Feuertaufe bei einer Clubshow im „Glanz und Gloria“ in Osnabrück sein. Ich bestand diese ganz gut, ein paar kleine Unsicherheiten überspielte ich, es war ja nicht dass erste mal dass ich auf einer Bühne stand.

Kurz vor dem Campus Open Air in Hamburg erhielt ich die Nachricht, dass Endi sich den Arm gebrochen hätte. Ein Schock, erstens weil man so etwas niemanden wünscht, den man nett findet und zweitens würde mir der Bass auch als Orientierung fehlen. So oft hatten wir nun auch noch nicht zusammen gespielt. Ich schlief nur vier Stunden vor dem Campus Open Air und setzte mich mit gemischten Gefühlen in den Zug. Ich musste sogar vorher Baldrian nehmen, Lampenfieber ohne Ende!!! Im Zug wurde mir erst bewusst, dass wir dann nur zu zweit und Torsun teilweise auch alleine auf der Bühne stehen würden. „Oh man, ob das gut geht?“, dachte ich mir. Als ich Backstage ankam, gab Torsun gerade ein Interview. Ich begrüßte Peter und winkte dem Fahrer Maxi, den ich bis dahin noch nicht kannte. Wir mussten sogar noch einen Radiojingle einsprechen, strange world, dabei bin ich doch nur der Showpraktikant. Kurz vor Showtime fuhren wir Richtung Bühne und luden unseren Kram dahinter aus. Dann war es soweit, ich betrat die für meine Verhältnisse riesige Bühne, alle waren supernett, vom Techniker bis zur Stagehand und halfen uns wo sie nur konnten. Unser Künstlerbetreuer war sowieso der beste aller Zeiten! Peter und Maxi wuselten auch wie wild auf der Bühne herum und der Aufbau ging schnell und problemlos von statten. Wir wurden angesagt und stürmten auf die Bühne, Torsun sagte noch etwas zu Endis Armbruch, dann startete das Playback zu „Luxus“ und ich guckte das erste mal in einige Tausend Augenpaare, schaute aber sofort wieder auf mein Effektboard und das Griffbrett. Der erste Song ist live für mich immer der schwerste, danach ist meistens alles gut. Es gab fett Applaus und bei „Dich glücklich sehn“, dem zweiten Song, ging es zum ersten mal richtig ab. Dann hatte ich drei Songs Pause und ein paar Smasher wie „Raven gegen Deutschland“ wurden den Leuten dargeboten. Bei meinen folgenden sechs Einsätzen am Stück ging es ziemlich ab in den ersten Reihen und ich wurde von Song zu Song lockerer. Das Konzert verlief sehr gut, außer dass Torsun beim Diven nicht wirklich aufgefangen wurde. Nach der Show war sofort Abbauen angesagt. Dann musste ich zum ersten Mal Fotos mit Fans machen. Ich war komplett durchgeschwitzt, schon leicht angetrunken und grinste dämlich in die Kamera, aber trotzdem fand ich es lustig! Wir sollten heute Nacht alle bei Steffi übernachten, die ich wohl schon aus Berlin kannte, aber mich leider nicht mehr an sie erinnerte. Peinlich!!! Aber an dem Abend redeten so viel Menschen mit mir. Als wir bei ihrer Wohnung ankamen, waren wir erst skeptisch. Mittler-weile hatte Torsun mich überredet auch am nächsten Tag noch mitzuspielen, da er sonst alleine auf der Bühne stehen würde. Ich sagt kurzerhand meiner Mitfahrgelegenheit nach Bielefeld ab und das Grillen wurde auf Samstag verschoben. Maxi steuerte das Auto in einen Hof, vor uns eine altes Fabrikgebäude. Im Flur sah es ziemlich abgerockt aus, aber die Wohnung war ein riesiges, sehr schniekes Loft, jeder hatte sein eigenes Bett. Einige Bier und Kampfsportübungen später schliefen wir ein, so gegen 3 Uhr nachts! Um acht Uhr sollte der Wecker schellen, da wir gegen neun Uhr Richtung Saarland aufbrechen mussten. Einmal durch die Republik. Nach einer endlosen Fahrt kamen wir in Saarwellingen an und fanden erst einmal das Festivalgelände nicht. Wir stießen dann auf eins von insgesamt fünf Plakaten die wir sahen, es wurde anscheinend richtig in die Werbung investiert, nun hatten wir eine Adresse. Das Gelände war eigentlich sehr schön, die Bühne sah sehr gut aus. Wir luden unseren Kram aus und wollten noch zum Hotel, duschen und etwas vor der Show entspannen. Man sagte uns das Hotel wäre „am Kirchplatz“. Maxi fütterte dass Navi und wir fuhren los und landeten im Nachbarort. Dort war auch ein Hotel am Kirchplatz, dieses sah aber total heruntergekommen aus, „tja, das war es dann wohl mit W-LAN“ war der Konsens. Wir packten unsere Taschen aus dem Kofferraum und schlurften die Einfahrt zum Hotel hoch. Ein Fenster ging auf und eine Dame fragte uns: „junger Mann, was wollen sie denn dort, da ist schon seit zwei Jahren geschlossen“! Wir erklärten, dass man uns diese Adresse gesagt hätte. Ich hatte zum Glück den Namen des Hotels behalten. Sie meinte, dass dieses direkt in Saarwellingen sei, aber „am neuen Kirchplatz“. Okay…auf zum Hotel! Unsere Schlüssel waren mittlerweile Richtung Festivalgelände unterwegs, wir checkten mir Ersatzschlüsseln ein. Ich ging duschen, Peter guckte TV, ich pennte zu einer Reportage auf dem Bett ein, während Peter Körperpflege betrieb. Dann mussten wir schon wieder los Richtung Festival! Dort angekommen waren wir gespannt, ob sich mit der Zeit wohl mehr Leute eingefunden hatten. Es waren ein paar mehr Leute auf dem Platz, aber höchstens 300-400. Niemand stand bei der Band, die gerade spielte vor der Bühne, vielleicht 3-4 Kopfnicker. „Ach du meine Güte!“ Na ja, ich guckte mir das Treiben auf der Wiese vor der Bühne an und wollte mit meinem Bierbecher aus dem Backstagebereich. Prompt wurde ich vom Security Typen derbe angeranzt „ohne Becher aufs Gelände!“. Ich ging zurück, erzählte das kurz Maxi, der schob die Becher unter dem Zaun durch, wo ich sie in Empfang nahm. Der Security Heini, der das migekriegt hatte, hatte uns nun auf dem Radar. Wir bummelten mit Bier kurz über das Gelände. Dann wollten wir wieder Backstage gehen, da wir in 15 Minuten Showtime hatten. Der Security Heini hielt mir eine Standpauke, ich grinste ihn nur an und schmiss ihm ein flappsige Antwort an den Kopf, lächerlich so etwas. Danach musste ich den ganzen Abend meinen Backstageausweis nicht mehr zeigen. Wir bauten auf. Vor der Bühne sammelten sich einige Egotronic Fans, aber voll ist was anderes. Peter stellten den Sound ein, der Monitormischer schmiss mir eine verlangte Mehrfachsteckdose für mein Effektboard vor die Füße, dabei stieß ich an mein Bier, welches auf die Bühne schwappte. Ich bat um ein Handtuch um den Mist aufzuwischen, der Griesgram pampte mich an „hab ich nicht!!!“. Maxi holte mir netterweise unsere Handtücher und ich wischte das Bier von der Bühne. „Hach, das fängt ja herrlich an“, dachte ich mir. Torsun sagte uns kurz an, startete „Luxus“ und die Show ging los. Außer das der Monitormischer nach zwei Songs die Bühne verließ und ich ab meinem dritten Song für zwei Songs keine Beats und keinen Torsun mehr auf dem Monitor hatte, verlief der Auftritt sehr gut. Wir und vor allem Torsun rockten das „Haus“. Ich fragte Peter, was denn mit meinem Monitor sei, er meinte über dass Gegensprechmikro „ihr habt doch einen Techniker auf der Bühne“. Ich drehte mich zum Pult und er war weg, schon seit zwei Songs. Er kam dann aber wieder und regelte mürrisch meinen Bühnensound neu. Aber egal, jeder hat mal einen schlechten Tag. Die paar Dutzend Leute vor der Bühne gingen gut ab, rissen fast den kleinen Wellenbrecher um. Während des letzten Songs schmiss ich alle Flaschen Wasser von der Bühne ins Publikum, die Straight Edger nach uns haben sich bestimmt gefreut. Nach der Show schnackten wir noch kurz mit „Kmpfsprt“ aus Köln und fuhren dann ins Hotel. Torsun ging pennen und Maxi, Peter und ich in die zum Hotel gehörende Kneipe. Dort lernte Maxi seine neue „Big Löve“ Guido kennen und den selbst gebrannten Schnaps. Wir machten einige Fotos und gingen dann auch angeschickert ins Bettchen. Am nächsten Morgen gab es ein feines Frühstücksbuffet und die Jungens ließen mich in Frankfurt raus, wo ich meinen ICE nach Bielefeld nahm. Ein sehr schönes Wochenende. Vielleicht sehen wir uns ja irgendwo diesen Sommer. Alles Liebe, Mirco!

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3 Antworten auf “Gastbeitrag von Mirco,…”


  1. 1 hjhjkh 13. Juli 2012 um 15:08 Uhr

    Das nächste Mal bitte noch überall die jeweiligen Uhrzeiten hinzufügen!

  2. 2 shalom 16. Juli 2012 um 21:45 Uhr

    „Einer Person gefällt das.“

  3. 3 Mirco 17. Juli 2012 um 9:40 Uhr

    @hjhjkh: Früher habe ich oft für Fanzines geschrieben, da waren lange Artikel Pflicht und gerne gesehen. In der heutigen Zeit steht man ja eher auf Pupskurze Nachrichten und tausend Fotos…Ich lese gerne viel und lang. Mein nächster Bericht wird aber auch die Konsistenz des jeweiligen Stuhlgangs am Tag der Show, Uhrzeiten und einen Wetterbericht enthalten ;-)

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